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Vergessen und verdrängt: der Nordwestbahnhof

Trotz der relativen Nähe zum Stadtzentrum ist das Areal des Nordwestbahnhofs der Wiener Bevölkerung – ja sogar seinen unmittelbaren Nachbarn – großteils völlig unbekannt. Der Nordwestbahnhof wurde zu einem vergessenen Ort innerhalb der Stadt, der einer dringenden Wiederentdeckung für die Stadtgeschichte und einer Rehabilitierung seiner Bedeutung als Versorgungsknoten für die Stadt bedarf, noch bevor in naher Zukunft keine Logistik-Expertinnen mehr vor Ort arbeiten und nach der Entwicklung eines neuen Wohnviertels alle seine baulichen Spuren verschwunden sein werden.

Das aktuelle Übergangsstadium des Nordwestbahnhofs – vor seinem endgültigen Abbruch – erscheint uns daher als perfektes Forschungsfeld und letzte Chance die vielen Ebenen der ökonomischen, kulturellen, sozialen und geschichtlichen Transformationen dieses Areals zu untersuchen und die Effekte der Modernisierung und Globalisierung einer vernetzten multimodalen Logistik Industrie sowie übergeordneter politischer Ereignisse (Handelsabkommen, Kriege, Embargos, Förderungen) auf einen konkrete, lokalen Ort in Wien nachzuzeichnen. Das ist insbesondere dringlich,  weil hier heute noch gearbeitet wird und die Expertise noch von den Expert_innen vor Ort abgeholt werden kann.

Im Projektraum im Nordwestbahnhof ist eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Nordwestbahnhofs eingerichtet, einschließlich einer Videoarbeit mit Interviews mit heute vor Ort tätigen Logistik-Expert_innen.

Geschichte im Schnelldurchlauf

Zwar wurde der Nordwestbahnhof 1872 als monokulturelle Verkehrs-Infrastruktur-Einrichtung eröffnet, die Nutzung des Areals hat aber seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts stark variiert: Zuerst Vergnügungspark, dann großer Kopfbahnhof, dessen Personen-Zugverkehr bald nach dem Ende der Monarchie eingestellt wurde. Prominente Beispiele für die frühe Mischnutzung der alten Bahnhofshalle sind die Errichtung einer Indoor-Schipiste für den Schneepalast 1927, und die Propagandaveranstaltungen der NSDAP einschließlich der Wander-Ausstellung Der ewige Jude 1938. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurde der Bahnhof bombardiert, das Kopfbahnhof-Gebäude jedoch erst 1952 endgültig abgerissen.

Überblick im Wiener Geschichte-Wiki inklusive weiterer Quellen.
Als Zusammenstellung und Auskopplung aus dem Brigittenauer Bezirksmuseum.

Ein sehr schöner Streifzug durch die Geschichte des Areals von Christa Hager mit aktuellen Fotos von J. Kerviel findet sich in der Online-Ausgabe der Wiener Zeitung

Wirtschaftswunder bis Heute

In einer von der Projektleitung Wien Bahnareale (PWB) der Stadt Wien und der Gebietsbetreuung GB*2/20 initiierten Geschichtswerkstatt werden Material und Erzählungen zum Bahnhof und seiner unmittelbaren Umgebung gesammelt. Erst schrittweise öffnet sich das lange von Mauern und Zäunen umgebene Logistik-Areal seiner Nachbarschaft. In den 1960er Jahren wurde es zu einem modernen Logistik-Areal, für den Umschlag von Stückgut ausgebaut und entsprechend der geltenden Zollbestimmungen zoniert. Mit der Inbetriebnahme des Rail to Road Container Terminals der ÖBB mit zwei großen Kränen wurden hier bis vor kurzem auch Container umgeschlagen. Die grossen Lagerhallen mit Gleisanschluss wurden/ werden lange Zeit von international tätigen Unternehmen wie bspw. Panalpina, DB Schenker, Quehenberger, etc. verwaltet.

Die Geschichtswerkstatt Nordwestbahnhof findet in regelmässigen Abständen statt. Treffpunkt ist das Lokal der Gebietsbetreuung GB*2/20 am Allerheiligenplatz/ 20. Bezirk.

Zwischennutzungen und Zukunft

Interessante Zwischennutzungen heute sind der Filmausstatter Props und Co., der private Kleingarten der betagten Frau Faulmann, die multi-kulturelle Fahrschule, die Nutzung als Busparkplatz, und die vielen kleineren Speditionen, Handels- und Gewerbetriebe etc. in der Ladestrasse 1, wie etwa Autoteile-Express, ein Online Portal für Ersatzteile – und natürlich wir selbst. Nach der aktuellen Phase der Zwischennutzung wird das Areal in absehbarer Zeit einem großen Stadtentwicklungs-Gebiet weichen, das vorrangig große Wohnbauten, aber auch einen Bildungscampus, Freizeitanlagen und Bürotürme umfassen wird.

Der bislang letzte bekannte Stand der Planungen zur Zukunft des Areals folgt dem aktualisierten städtebaulichen Leitbild, veröffentlich am 20. September 2016.